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Trompete in C oder B

Ich habe es in der eigenen Bläsergruppe zu spüren bekommen: Ein Nachbarchor, oder was davon noch übrig war, löste sich auf. Es kam von einem Flügelhornspieler die Anfrage, ob er und sein Trompeterkollege bei uns mitmachen können. Es stellte sich im Laufe des Gesprächs heraus, daß der eine auch noch in einer Feuerwehrkapelle und der andere in einem Ärzteorchester spielte. Deshalb lesen beide in transponierter B-Notation und können die Posaunenchorschreibweise nicht vom Blatt transponieren. Dabei haben Sie viele Jahre in diesem sich in Auflösung befindlichen Nachbarchor gespielt. Der frühere Chorleiter ging den vermeintlichen leichten Weg und schrieb die Trompetennoten mit der Hand um. Im Laufe der Jahre sammelte sich ein beachtliches Repertoire an, daß in Ordnern abgelegt war. Je nach Organisationstalent war der eine schneller, der andere etwas langsamer, wenn es darum ging, die Noten aufzuschlagen. Das war für mich eine entsetzliche Vorstellung: Minuten lang zu warten, bis die Herren B-Trompeter endlich soweit waren, daß wir beginnen könnten. Deshalb habe ich gleich gesagt: Entweder Sie lernen um oder Sie spielen auf einer C-Trompete. C-Trompeten sind einen Ton höher und die Spieler können dieselben Griffe benutzen, die sie gewohnt sind zu greifen, wenn sie die Noten lesen. Ein Nachteil ist, daß ihnen in der Tiefe ein ganzer Ton fehlt. Sie kommen nur bis zum fis, während B-Trompeten das e erreichen. Außerdem klingt eine C-Trompete dünner als eine in B. Sei’s drum. Oft kommen diese tiefen Töne f und e ja nicht vor. Beide Herren sind in dem Alter, wo der Klügere nachgibt. Mit dem Umlernen wollten sie gar nicht erst versuchen und besorgten sich in kürzester Zeit je eine C-Trompete, der eine sogar eine von Getzen, die man von B auf C umstecken kann.

Woher kommt dieser kleine aber bedeutsame Unterschied zwischen C oder B - Notation? Das Problem liegt ziemlich weit zurück. Weiter jedenfalls, als es Posaunenchöre gibt. In früheren Zeiten, als es noch keine Ventile für Trompeten gab, wurden die Rohre durch Umstecken unterschiedlich langer Rohre in die richtige Tonart gebracht. Den Spielern wurde vorgeschrieben: tromba in g, also steckten sie die Trompete auf g um und spielten los. Die Noten waren ohne Vorzeichen in C notiert. Kam ein Stück in As, C oder F, verfuhren sie genau so. Die Notation blieb immer in C. Das war praktisch und wurde allenthalben so ausgeführt. Die ganze Literatur war so angelegt, Komponisten dachten so und Partiturschreiber wurden entsprechend unterwiesen. Anfang des 19 Jahrhunderts erfand man das Ventil, das den Ton in ein erweitertes Rohrsystem umlenkte und die Tonhöhe veränderte. Eigentlich hätte man in diesem Augenblick mit der hergebrachten Schreibweise für Trompeten aufhören können. Das hat man versäumt. Man hätte gleich auch die bis dahin geschriebene Literatur umschreiben müssen. Dazu war man wohl nicht bereit. Die Instrumente befanden sich weiterhin in den verschiedensten Stimmungen, erst allmählich setzte sich die Grundstimmung B für Blechblasintrumente durch. Man las statt B aber weiterhin C. Und da liegt das Problem.

Als nun aus der westfälischen Erweckungsbewegung heraus Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich die Posaunenbewegung entstand, kam diese nicht aus dem Ursprung der professionellen Orchestermusik mit ihren Jahre langen Lehrzeiten, sondern gründete sich aus einer christlichen Laienschaft, die Gottes Wort unter die Leute bringen wollte. Es entstanden zahlreiche Lieder, die gesungen und dann auch mit Blasinstrumenten gespielt werden sollten. Interessierte junge, "unbescholtene" Männer wurden in kürzester Zeit unterwiesen, wie man eine Kornett, ein Klappenhorn, eine, Posaune, ein Bombardon oder ein Helikon zu spielen hatte. Ausgangsmaterial war der Chorsatz für gemischte Chöre, der vierstimmige Orgelsatz, also nicht transponiertes Notenmaterial. Da war ein B ein B und nicht ein C wie bei den Profis. Eduard und später Johannes Kuhlo und ihre Kollegen erkannten, daß es den Laienbläsern leicht fiel, diese Art der Notation zu lernen und nahmen in Kauf, daß sich eine Mischung von Profis und Laien nicht ergab.

Nun sind aber über hundert Jahre vergangen. Die Literatur der Posaunenchöre steht der der Profis kaum nach. Immer wieder interessieren sich Bläser aus Feuerwehrkapellen und Blasorchestern, deren Mitglieder durchaus auch Laien sind, dafür, das geistliche Liedgut der Posaunenchöre zu blasen. Immer wieder kommt es inzwischen zu Begegnungen und man würde sich eine gewisse Durchlässigkeit wünschen. Das scheitert aber leider an dem kleinen Unterschied eines Ganztonschrittes von B zu C.

Robert Hertwig 29.11.2001

Diesen Artikel habe ich für das Magazin Posaunenchor geschrieben. Er wurde gedruckt.

Die normale allgemein gebräuchliche Trompete steht in der Grundstimmung B.

Abbildung links zeigt den in Posaunenchören üblichen Tonumfang von E bis g1. Unten ist die in Posaunenchören übliche Schreibweise notiert, nämlich nicht transponiert. Darüber steht es in "B-transponiert".

Ich habe es auch schon erlebt, dass Profibläser des hohen Blechs sehr gut die Posaunenchornoten spielen konnten, waren sie früher doch auch in einem Posaunenchor gewesen, haben dort Interesse an mehr bekommen und ein entsprechendes Musikstudium durchlaufen.

Ein vermeidbares Problem ist, dass es Bläser des tiefen Blechs gibt, die keinen Violinschlüssel lesen können, mögen oder wollen. Das ist sehr schade, weil sie dann die Melodie in der Achtfußlage nicht spielen können.